Eine erschreckende Feststellung von Heute als Chance für Morgen
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Hallo Sascha & all,

war nicht missverständlich.

Allerdings meine ich, dass durch Fertigbauweisen/vorgefertigte Teile und Halbfertigteile immer mehr Handwerkswissen verloren geht. Warum sollte man auch von der Pike auf ausbilden, wenn Anlernen reicht. Da spielen Nationalität oder Muttersprache sowas von keine Rolle.
Ausbildung wird mMn immer weniger als Investition in die Zukunft gesehen. Betrifft leider alle Bereiche. Am deutlichsten wird es in den früher hoch gelobten Betriebsinternen dualen Studiengängen. Früher kamen dabei hervorragende Führungskräfte und Projektmanager raus. Heute sind es die Absolventen allzuoft gebrochene Sklaven, die alles außer über den Tellerrand blicken tun sollen. Nicht widersprechen, Regeln einhalten, kreativit kannste daheim sein.
Alles analog zum Anlernen an Fertigteilen.

Ein Bekannter suchte ewige Zeiten einen Mitarbeiter für seinen Naturstein-Betrieb. Die vorstellig gewordenen  Bewerber (überwiegend durch ARGE) waren zu 100% ungeignet und(oder unwillig. Ausbildung/Bildungsabschluss gegen Null, Arbeitswillen unter Null. Das war ein Drama. Er hätte gerne jemanden ausgebildet, wenn er auch nur ansatzweise eine Chance gesehen hätte, dass es auf fruchtbaren Boden gefallen wäre. Aber da war nichts außer einem Vakuum.
Mag nur ein Einzelfall sein, aber es markiert immerhin einen Aspekt: es sind alle Beteiligten in der Pflicht, ein Niveau zu erreichen oder zu halten. Kammern, Schulen, Ausbildungsbetriebe. Und bei den Eltern fängt es an.

Warum die Eltern? Ein kleiner Exkurs:
Bub, 2 Jahre, erster Tag im Kindergarten, überall großes Hallo und Kennenlernen. Ein einigemaßen gehetztes Elternpaar schiebt seinen Sohn zu einer Erzieherin. Kein Hallo, kein guten Tag. aber dafür:
"Wir sind der Meinung, unser Sohn kann mit 5 in die Schule, er soll ja keinen Nachteil haben. Sorgen Sie bitte dafür." Kein Witz. ich stand daneben.
Eigentlich gibt es auch die Pflicht, keine kranken Kinder in der Kita abzusetzen. Wenn sich dann so ein kleiner Mensch am Vormittag die Seele aus dem Leib kotzt und seine Innereien nicht mehr halten kann, werden natürlich die Eltern angerufen, um das Kind abzuholen. "Och, das hat der schon die ganze Nacht gemacht" sagte die Mutter. Unfassbar, aber leider auch kein Witz.
Die Kitas und Schulen sollen es richten, meinen viele Eltern heute.
Nicht-Eltern können sich gar nicht vorstellen, welche Hölle über Lehrer herein bricht, wenn ein Kind bei einem Schulausflug im Wald in Brennnesseln fällt.

Irgendwann während der Grundschulzeit müssen Kinder bereits Grundzüge einer Fremdsprache erlernen. Leider gibt es dafür keinerlei gleichartige Lernpläne. Der Umfang wird begrenzt durch fehlende Resourcen und den gottverdammten Unsinn des Förderalismus. Bildung darf keine Ländersache sein. Meine Meinung.
Die weiterführenden Schulen haben dann ein Jahr damit zu tun, erstmal alle Schüler auf ein Niveau dieser Fremdsprache zu bringen. Dabei werden einige bereits abgehängt, andere langweilen sich und hängen sich damit selbst ab.
Oh, und bevor ich es vergesse: die fremdsprachliche Ausbildung soll seit einigen Jahren bereits in den Kindergärten beginnen. Die Kurzen können weder geradeaus laufen, noch sich allein die Schue binden. Aber Englisch sollen sie bereits lernen, damit sie später auf dem Arbeitsmarkt angeblich konkurrenzfähig sind.
Die Sprachenausbildung sollen denn die Damen und Herren Erzieher übernehmen. Die haben allesamt eine dem Meistertiel gleichgestellte Ausbildungsdauer.
Nur blöd: für ein derart lächerliches Gehalt will das niemand mehr werden. Dazu kommt, dass die Kommunen und Kirchen als Träger auch Kosten sparen wollen. Kinder werden auch hier nicht als Investition sondern als Kostenfaktor gesehen. Also werden die gesetzlichen Grundlagen geändert: doppelt so viele Kinder wie früher je Erzieher in einer Gruppe. Und weil es nicht genug Erzieher gibt (und wenn dann wären sie zu teuer...) dürfen nun noch beliebige Hilfskräfte "helfen". Dass ist dann öfter mal eine Reinigungsfachkraft, die ohnehin in der Einrichtung zu tun hat, ein 1,- Euro Jobber oder sonstwer. Derjenige muss nicht ausgebildet sein. Es reicht ja, dass ein teurer Erzieher anwesend ist. Der/die soll dann auch die andere Aufsichtskraft beaufsichtigen.

Ein paar Jahre später, erster Tag Gymnasium. Der Schulleiter hält eine obligatorische Begrüßungsrede. Ein toller Mann, hart und gerecht, den hatte ich schon als Lehrer. Und einen Satz seiner Rede werde ich nie vergessen:
"Früher wurde den Kindern gesagt benimm dich und hör gut zu. Heute wird gesagt lass dir nichts gefallen (gemeint ist von Mitschüler und Lehrer).
Irgendwann gehen diese von Helikoptereltern behüteten jungen Menschen in eine Ausbildung. Leider hatte keiner der Eltern jemals Zeit (oder Hirn) ihre Kinder auf eigenständiges Denken vorzubereiten.
In der Ausbildung stehen nun Meister in den Betrieben und Berufliche Schulen parat und müssen diesen Menschen nicht nur die eigentliche Arbeit mit all ihrne Aspekten beibringen, sondern auch noch das aufholen, was vorher versäumt wurde oder nicht geleistet werden konnte.

So, und an dieser Stelle fragen wir uns nun, wer hat eigentliche welche Verantwortung für eine Ausbildung? Der Betrieb, die Kammern oder Schulen?
Kurze Schleife zurück: es fängt bei den Eltern an und einem Bildunsgsystem, in dem sich immer mehr profilierungsüchtige Berufspolitiker der dritten Reihe ein ideologisches Denkmal setzen wollen und können. Sie können das, weil wir sie lassen. Muss man auch mal so offen ansprechen. Fragt euch selbst: habt ihr schon mal in einer Landtagswahl eine Stimme abgegeben auf Grundlage eurer Ansprüche ans Bildungssystem für Kinder?

Oben draufgepropft dann eine Berufsausbildung, die immer komplexer und anspruchsvoller wird, mit Menschen die heute weniger Grundlagen für einen bestimmten (Handwerks)Beruf als früher mitbringen. Natürlich sind wir heute von Geburt an anderen und vielfältigeren Reizen ausgesetzt als früher. Das kann man niemandem zum Vorwurf machen.
Aber warum um Himmels Willen wollen wir dann Kinder in Highspeed durch Kita, Schule und Ausbildung treiben, statt ihnen die Zeit zu geben, all dies neue einsortieren zu können. Weil wir uns davon versprechen, damit wären sie international konkurrenzfähiger? Wie dumm und einfältig.
Konkurrenzfähig ist derjenige, der sorgfältig gelernt hat, und das geht nur mit Zeit. Vom Kindergarten angefangen. Dann müssten wir uns heute nicht so oft fragen wie wir Löcher in der Ausbildung stopfen wollen und wen wir dafür verantwortlich machen können. Gerade der letzte Punkt ist ja hochmodern: wen prangern wir dafür an?!

Also, zum Ausgangs-Post: es geht nur Hand in Hand. Und das wird nur durch Erneuerung gehen. Altes Wissen behalten, alter Filz raus.
Schulen und Kurse der Kammern für Grundlagen wie Vorschriften, Sicherheit, Bohrgeschwindigkeiten, fachbezogene Mathematik und dergleichen. Und den Betrieben obliegt die Umsetzung in der Praxis, incl. der Schulung an modernen Maschinen und ihren Eigenheiten, wenn sie dort eingesetzt werden.
Nur weil jemand im Tiefbau Bordsteine setzen gelernt hat, heisst das ja noch lange nicht, dass er automatisch eine Hundegangwalze fahren kann, das hat der Betrieb zu vermitteln, wenn er eine solche einsetzt. Zertifizierte Maschinenlehrgänge könnten helfen, falls es die noch nicht in allen Bereichen gibt.

Ups, nun ist es doch ein klein wenig länger geworden. Habe es auch nicht mehr quer gelesen. An unverständlichen Stellen dürft ihr einsetzen, was ihr gerne lesen würdet. ;)

Gruß
Stephan

Gruß, Stephan

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Danke Stefan. Wahre Worte, dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Ein kleines Beispiel aus meiner Praxis: Zum Azubi 2tes Lj: schneid bitte die Isolierung auf 45°. 'Wieviel sind 45°?' ...

Dieser Beitrag wurde editiert von tt76 am 17.07.2017, 09:49 Uhr
Begründung: .


_____________________________________ mit blauen Grüßen Torsten

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Moin
Hab ich doch gesagt, es fehlen elementare Grundkenntnisse, bei uns früher gabs noch Geometrie das war mit Winkeln und so..
Ich möchte mal wissen was sie heute in der Schule so machen..singen und klatschen??
Gruss Willy

 
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... ihre Namen tanzen.

Ne, falsch, ... rappen. ;)

Don't give up - learn to talk, learn to walk!

Gruß
Stephan

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Hi,

das hast du wirklich hervorragend dargestellt Stephan!

Ein weiteres riesen Problem ist doch die Tatsache das heute viel zu viele Kinder nach einem unglaublichen "Vorschul-Marathon" und der Grundschule dann durch das Gymnasium Richtung Studium "geprügelt" werden, und der verheerenden Suggestion erliegen das man nur als "Entrepreneur" mit einem feschen Start-Up (oder dergleichen) es zu etwas bringen kann.

Ich denke gerade das entzieht dem Handwerk ein Großteil der qualifizierten Lehrlinge/Azubis die es eigentlich bräuchte. Denn viele von denen die unter dem Druck, der Erwartungshaltung und den Träumen vom großen Geschäft zusammenbrechen wären vermutlich hervorragende Handweker geworden - mit allen Chancen daraus was zu machen bzw. darauf aufzubauen. Das erkennt blos keiner (kaum einer) mehr.

Aber auch hier - es ist und bleibt ein Teufelskreis. Zuviele Faktoren um das alles innerhalb so einer Diskussion darzulegen.

Ich bin gespannt wie es in 10, 15 oder 20 Jahren aussieht.

Viele Grüße,
Oliver

 

Viele Grüße, Oliver Follow me on Instagram: @the_black_tie_diyer

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Zuviele Faktoren um das alles innerhalb so einer Diskussion darzulegen.

Das stimmt wohl so.

Andererseits kann man auch versuchen, an einigen echten Painpoints zuerst zu arbeiten.
Wie Sascha ja eingangs beschreibt, gibt es die fachbezogenen Ausbildungslücken im Zusammenspiel, Betrieb-Schule-Kammer.
Wenn man sich dort mal etwas moderner zusammen setzen würde - weil gefixt werden muss es sowieso und auf die Politik und Gesellschaft ohne konkreten Lösungsvorschlag zu warten wäre die hilfloseste Alternative - könnte man die gefundenen Lösungen in die Legislative einbringen lassen.
Klar sein muss aber auch: ohne zusätzliche Resourcen und ohne über den Tellerrand zu blicken und liebgewonnene Gewohnheiten zu verabschieden, wird das nichts. Also erst investieren, dann der Erfolg. Vermutlich muss man auch erst die Riege der Entscheider erneuern.

Gruß
Stephan

Gruß, Stephan

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Hallo Stephan und Oli,

ich bin begeistert von dem was Ihr beide da auf-/anführt.
Nicht begeistert das es so ist, sondern das ihr das so treffend zusammenfaßt.

Und eigentlich sind wir ja mit dem Thema des Threads ja auch eben ganau da wo Ihr schon ansetzt, denn das ist ja der "Nachschub" für Handwerk und Industrie, wobei ich ja die Industrie gar nicht so sehr in Bedrängnis sehe, denn hier ist die Steuerung in eine einheitliche Ausbildung viel einfacher als das im Handwerk der Fall ist.

Wenn man aber bei diesem Thema Industrie und Handwerk gelichermaßen schulen und/oder zertifizieren würde, wäre das sicherlich eine gute Basis wo dann auch beide Schienen sagen können unsere Fachkräfte sind im Bereich Maschinenkenntnise und -bedienung auf einem einheitlichen Grundniveau.

Und ich rücke bei aktuellem Stand nicht davon ab das hier die Hersteller eine Initialzündung auslösen müssen, das hier was in der Richtung passiert.

Gruß
Sascha
 

Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es! Lasst es uns BLAU tun...;)

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Hallo Sascha!

Zumindest haben Hersteller eine Lobby, die keiner der anderen Beteiligten hat. Die wären eine echte Unterstützung.
Es könnte in der Tat fast ein Selbstläufer werden, wenn Hersteller initial vorgehen würden. Es reicht vollkommen, wenn sie sich auf ihre eigenen Produkte statt auf Bildungsprozesse im Ganzen beziehen.

Es müssen auch nicht x Hersteller unter einen Hut gebracht werden. In diesem Bereich ist Lehre immer auch Werbung, nach einem Jahr in der Fläche müsste sich bereits abzeichnen, dass es sich lohnt. Lohnt es sich für einen, ziehen andere nach. Oder machen ihre Produkte billiger (in Preis und Qualität), was sich auch irgendwann rächt.

Rechnen (raten) wir mal ein wenig:
Projektvorbereitung seitens eines führenden Herstellers: 1 Jahr, wenn sie nicht trödeln
Einführung: 1 Jahr bis alle an einem Tisch überzeugt werden
Durchführung bis erste messbare Ergebnisse: 1 Jahr (könnten auch 3 werden)
Beweisführung der Ergebnisse publizieren und Zweifler mundtot machen: 2 Jahre
Legislative (Landtage, Kammer, Vorschriften, blaaa): 3 Jahre (wäre echt flott)

Also mindestens 8 Jahre (da sind wir dann in der angedachten Zukunft).

Dafür dass wir seit Beginn der Industrialisierung in der 2. Hälfte des 18 Jahrhunderts in England begonnen haben, dass alles in Grütz zu fahren, finde ich 8 Jahre ungefär so brilliant wie beamen.
Selbst wenn wir nur die Zeit nach 1945 mit einem erneuertem Ausbildungswesen ansetzen, sind 8 Jahre gegen die versaubeutelten >70 Jahre der Neuzeit ziemlich charmant.

Boah... jetzt schnitzt ich mir erstmal eine rosarote Pony-Farm. *g*

Gruß
Stephan


Nachtrag:

Das Schöne ist ja, dass es die notwendigen Strukturen alle längst gibt. Siehe Wiki (Punkt 3).
Die müssten einfach mal ihre Prioritätenliste überarbeiten.

Dieser Beitrag wurde editiert von apbt am 17.07.2017, 15:50 Uhr
Begründung: ... hier und da ein Satzzeichen ... und schon wird man versetzt.


Gruß, Stephan

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Hallo Stephan,

ich hab Dich erreicht, Du bist bei mir auf diesem Schiff angeheuert als 1.Steuermann!

Ich hatte für die Durchführung und ernsthaft messbare Ergebnisse immer die 36 Monate auf dem Schirm allein wegen des Garantie-Zeitraums den Bosch anbietet, hier würde sich gefühlt ein Kreis schliessen können. Auch die Durchführung solches Schulungen wird einen Erheblichen Zeitraum in Anspruch nehmen. die gesamten 8 Jahre sehe ich halt als sehr sehr stramm an.

Aber trotzdem ist das ein realistischer Fahrplan und wenn das alles wirklich funktioniert, dann kann man sich auch andere Schlachtfelder/Nebenschauplätze ansehen, die man wärend einer solchen Aktion aufdecken wird, denn die sind dann auch wieder an der Praxis orientiert weil man diese sicherlich bei sowas angetragen bekommt, also wieder eine Win-Win-Situation.

Gruß
Sascha

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Du bist bei mir auf diesem Schiff angeheuert als 1.Steuermann!

Aber nur im Urlaub, damit ich als hauptberuflicher Reeder nicht den Kontakt zur Mannschaft verliere.

Nimmst "die Rote" mit?  Als Schiffsmädchenjungen oder wie das heisst.
https://www.youtube.com/watch?v=d_MtAklO2p8

Den Kurs West/Südwest werde ich dann vorerst meiden. *g*

Gruß
Stephan

Gruß, Stephan